Erika Mitterer, geboren 1906 und 2001 in Wien verstorben, war Epikerin, Lyrikerin und Dramatikerin. Sie setzte sich in ihrem umfangreichen Werk intensiv mit den Phänomenen des 20. Jahrhunderts auseinander – mit Entwicklungen, Bedrohungen und Irrwegen ihrer Zeit.
Sie schrieb nicht als distanzierte Beobachterin oder als moralische Anklägerin, sondern als Mitbetroffene, Hineinverstrickte, Suchende – und als jemand, der an den Herausforderungen dieser Zeit auch scheiterte.
Auf ihre Weise übernahm sie Verantwortung, bezog Stellung, blieb oft Außenseiterin und schöpfte zugleich Kraft und Zuversicht aus ihrem christlichen Glauben.
Ihr Werk spricht uns und kommende Generationen an – eindringlich, mutig, stets auf der Suche nach Wahrheit und Sinn.
Erika
Mitterer
als Kind
1907
Nach ersten Erfolgen mit dem Gedichtband Dank des Lebens (1930) widmete sich Erika Mitterer ganz der schriftstellerischen Arbeit. Bereits früh war sie darin von Rainer Maria Rilke bestärkt worden, den sie 1925 in Muzot persönlich besucht hatte.
Besondere Bekanntheit erlangte sie mit dem Briefwechsel in Gedichten mit Rilke, der bis heute als ihre populärste Veröffentlichung gilt.
Aus den Erfahrungen ihrer Fürsorgetätigkeit gingen auch zwei Prosawerke hervor: die Erzählung Höhensonne sowie der Roman Wir sind allein, der aus ideologischen Gründen – Erika Mitterer hatte sich geweigert, einen jüdischen Arzt zu „arisieren“ – erst nach Kriegsende veröffentlicht wurde.
Bereits 1940 erzielte der Inquisitionsroman Der Fürst der Welt, auch in norwegischer Übersetzung, einen durchschlagenden Erfolg. Mit seiner verdeckten Kritik am nationalsozialistischen Regime gilt er heute als eines der exemplarischen Werke der Literatur der sogenannten „Inneren Emigration“.
Erika
Mitterer
ca. 1930
Dr. Fritz
Petrowsky
1973
1937 heiratete Erika Mitterer Dr. Fritz Petrowsky, und im Jahr darauf kam das erste ihrer drei Kinder zur Welt.
1946 erschien der Gedichtband Zwölf Gedichte 1933–1945, dem in den folgenden Jahren mehrere Romane und Erzählungen folgten.
Sie engagierte sich stark in der Friedensbewegung, später in der Telefonseelsorge.
Einige Zeit widmete sich Mitterer vorwiegend dem Drama. Ihr Stück Verdunkelung wurde 1958 im Theater der Courage aufgeführt. In diesem Werk – ebenso wie bereits im Roman Die nackte Wahrheit, in der Erzählung Barmherzigkeit sowie besonders in ihrem letzten Roman Alle unsere Spiele (1977) – vollzieht sich jene kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die in der österreichischen Literatur lange Zeit vermisst wurde.
1965 konvertierte Erika Mitterer vom evangelischen zum katholischen Glauben. Die Wurzeln dieses Schrittes reichen bis in ihre Kindheit zurück und vertieften sich während der Arbeit an ihrem Roman Der Fürst der Welt.
Diese innere Entwicklung spiegelt sich auch in ihrem lyrischen Werk wider. Drei überwiegend religiöse Gedichtbände dokumentieren diesen Weg; der mittlere Band, Die Entsühnung des Kain, erschien im Johannes-Verlag des Theologen Hans Urs von Balthasar.
Auch international fand ihr Werk Beachtung: 2005 wurde Der Fürst der Welt in englischer Sprache neu aufgelegt, bereits 1988 war eine englische Ausgabe von Alle unsere Spiele erschienen.
Erika Mitterer erhielt hohe staatliche Auszeichnungen und wurde 1985 in die Kurie für Kunst aufgenommen. Sie starb am 14. Oktober 2001 in Wien.
Erika Mitterer mit ihren Kindern und Autor Felix Braun
ca. 1950
Erika Mitterer folgte nie literarischen Moden.
Ihre Arbeiten kreisen um Fragen von Verantwortung, Gewissen und menschlicher Entscheidung und verbinden persönliche Erfahrung mit historischer Wachsamkeit.
Durch ihr gesamtes Werk zieht sich die Verarbeitung der NS-Zeit. Keine andere österreichische Autorin behandelte dieses Thema so früh und so beständig.
Erika Mitterer gilt als Hauptexponentin der Inneren Emigration. Ihre Werke sind gesellschaftspolitisch reflektiert und zeitlos gültig.
Ein Inquisitionsroman, als Parabel auf das Dritte Reich lesbar. Er zeigt psychologisch genau, wie das Böse sich schleichend durchsetzt und gilt als literarischer Widerstand.
Ein Roman über Erinnerung, Selbsttäuschung und Wahrheit. Er verbindet psychologische und politische Literatur auf eindringliche Weise.
1945 · Wir sind allein
Roman aus dem Milieu der Unterschichten.
1951 · Die nackte Wahrheit
Auseinandersetzung mit den Nachkriegsjahren.
1953 · Kleine Damengröße
Erfolgreicher Jugendroman.
1958 · Tauschzentrale
Einsamkeit als zentrales Leitmotiv.
1930 · Dank des Lebens
1935 · Gesang der Wandernden
1970 · Klopfsignale
1974 · Entsühnung des Kain
1985 · Das verhüllte Kreuz
2001 · Das gesamte lyrische Werk
Gedichtbriefwechsel mit Rainer Maria Rilke (1924–1926)
1930 · Charlotte Corday
1956 · Verdunkelung
1959 · Wähle die Welt
Verdunkelung gilt als ihr stärkstes Theaterwerk.
Erika Mitterer schrieb nicht „um der Literatur willen“, sondern „um des Menschen willen“.
Sie wollte die Welt verstehbar machen, ohne sie zu entzaubern.
Ihre Werke bleiben gültig, weil sie nie einer Mode folgten.
Auszug aus: Erika Mitterer im Zeichen der Naturwissenschaft
lesenswert!
